Ein Hamburger Ulysses

Ein Hamburger Ulysses

Hundert Jahre nach dem ersten Bloomsday, dem 16. Juni 1904, reist ein heutiger Leopold Bloom durch die Hansestadt Hamburg und wiederholt die von Joyce erzählten, auf Homers »Odyssee« anspielenden Abenteuer.

Achtzehn Blätter spiegeln die Kapitel von Joyces Roman wider und führen den Betrachter auf ungewohnte Art und Weise durch die Stadt Hamburg. Unter jedem Bild befindet sich eine bildliche Fußnote zur entsprechenden Stelle im homerischen Epos.

Mehr zum Konzept 

Die achtzehn Kapitel des »Ulysses« spiegeln lose die 24 Gesänge der homerischen »Odyssee« wider und wurden während der Entstehung mit homerischen Namen versehen, die in der Endfassung weggelassen wurden. Dennoch richten sich die Interpreten noch immer nach diesem Schema.

Auch diese graphische Interpretation richtet sich danach. Sie spielt aber Joyces homerisches Spiel weiter: Joyce hatte den griechischen Helden Odysseus in das Dublin des angehenden 20. Jahrhunderts versetzt, nun taucht er ein Jahrhundert später in Hamburg wieder auf. Hamburg ist wie Dublin Hafenstadt und Pressestadt, mit allem, was dazugehört: Nachtleben, Musik, auch sonderbare Gestalten sieht man unterwegs. Eine Reise durch die Hansestadt von morgens bis Mitternacht kann durchaus ein Abenteuer sein.

Orte der Phantasie 

Die Welt der griechischen Mythologie, erkennbar auch im Zyklus zu Kevin Perrymans Gedichtreihe Daidalos, war für Caroline Saltzwedel einer der faszinierendsten Aspekte von James Joyce. Nach umfangreichen Vorarbeiten hat sie 2002 mit ersten Entwürfen für einen Hamburger Ulysses begonnen. Es war der Versuch einer bildlichen Transformation der Joyceschen Textvorlage in eine neue, hanseatische Welt. Joyce hatte den griechischen Held Odysseus in das Dublin des angehenden 20. Jahrhunderts versetzt. Nun taucht er hundert Jahre später zwischen Elbe und Alster auf. Wie Dublin ist auch Hamburg Hafen- und Pressemetropole. Es gibt ein schrilles Nachtleben, ungezählte Kneipen und kantige Gestalten. In achtzehn Bildern werden die Kapitel von Joyces Roman gespiegelt: auf dem Fischmarkt oder in der Isestraße, auf dem Ohlsdorfer Friedhof oder in der Staatsbibliothek. Unter jedem Druck findet sich eine graphische Fußnote zur entsprechenden Stelle in der Odyssee; sie macht die verschiedenen Ebenen des Über-Setzens deutlich: von der Antike über die Moderne in die Gegenwart; vom griechischen Versepos über den irischen Roman bis zum Hamburger Bild.

Aus: Peter Rawert, »Ein Kopfkissen als Hülle für Molly«, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. August 2009

Mit Bloomsday fing alles an 

Am 15. Juni 1904 schrieb James Joyce an die ihm bis dahin nur flüchtig begegnete Nora Barnacle: »Mag sein, daß ich blind bin. Lange starrte ich auf einen Kopf mit rötlichbraunem Haar und kam endlich zum Schluß, daß er Ihnen nicht gehörte. Ich ging sehr deprimiert nach Hause. Ich würde gerne einen Termin mit Ihnen ausmachen, nur könnte das Ihnen nicht passen. Ich hoffe sehr, daß Sie so freundlich sein werden, mich treffen zu wollen – wenn Sie mich nicht vergessen haben!«

Am folgenden Tag, dem 16. Juni 1904, fand das Rendezvous statt. Es war der Anfang einer langen Geschichte, die Jahre später den Namen Ulysses tragen sollte. Der Tag wurde als Handlungstag des Romans verewigt. Nora blieb aber, auch nachdem sie Nora Joyce geworden war, vom literarischen Leben ihres Mannes ziemlich unberührt. Der Roman, der über Monate und Jahre abschnittweise in Zeitschriften erschienen war, kam an Joyces 40. Geburtstag, dem 2. Februar 1922, zum ersten Mal als Buch heraus.

Einige Monate später erhielten die beiden von dem befreundeten Schriftsteller Gilbert Soldes eine Einladung zur Feier des denkwürdigen Tages. »Warum ausgerechnet am 16. Juni?« fragte Nora. Joyce erwiderte entrüstet: »Weil sich die Ereignisse des Buches an dem Tag abspielen!«

Technische Details 

Edition von 25 numerierten und signierten Exemplaren, 2002 – 2004, plus 2 Künstlerexemplare (épreuves d’artiste/ EA) und 1 hors-commerce;
die Exemplare 1 – 10 als geschlossene Reihe mit Titel-Leporello in einer Kassette;
die höheren Nummern sind aufgeteilt und als Einzelblätter erhältlich.
Die Radierungen sind als Einzelblätter auf BFK Rives Bütten »Moulin du Gué« von der Künstlerin gedruckt.
Die Plattengröße jedes Bildes beträgt 20 x 30 cm. Papierformat: 38 x 28 cm.
Leporello auf BFK Rives Bütten.
Der Text ist aus der Monotype Gill gesetzt.
Schrift und Satz der Offizin Haag-Drugulin, Leipzig;
Druck von Klaus Raasch im Atelier »Schwarze Kunst« in Hamburg.
Hellblaue Leinenkassette (31 x 41 cm) gebunden von Ingeborg Hartmann, Hamburg.

Preise 

Für die einzelnen Blätter (aus ausgewählten Nummern): jeweils €350

Für die gesamte Kassette: auf ►Anfrage

Ulysses in Hamburg (English) 

One hundred years after the first Bloomsday, the 16th June 1904, a present-day Leopold Bloom travels through the Hanseatic City of Hamburg and repeats the adventures of Joyce’s novel, which in turn correspond to Homer’s »Odyssey«.

Eighteen prints reflect the chapters of Joyce’s novel and carry the spectator on an unusual journey through Hamburg. Below each main image is a visual footnote to the corresponding episode in the Homeric epic.

More on the concept 

The eighteen chapters of »Ulysses« loosely reflect the 24 cantos of Homer’s »Odyssey«, and while he was writing the work, Joyce gave them the appropriate Homeric names, which he dropped for the final version. However, Joyce scholars still use these titles as guidelines.

This graphic interpretation does the same. At the same time, it continues Joyce’s Homeric game: Joyce transported the ancient Greek hero Odysseus to Dublin at the beginning of the twentieth century, and now he reappears a century later in Hamburg. Hamburg is like Dublin a trade port and press metropolis, with all that entails: night life, music, strange characters seen in passing. A journey through the Hanseatic city from morning till night can indeed be an adventure.

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